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Wörter sind Schall und Rauch

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Wörter sind Schall und Rauch


Wenn ich ehrlich sein soll, war ich versucht, diesen Artikel mit "Verf***** Wörter" zu überschreiben. Warum? Weil ich Übersetzer bin. Und weil die Arbeit von Übersetzern nach Wörtern bezahlt wird. Und weil mich das wütend macht, immer wenn ich darüber nachdenke.

Was ist überhaupt ein Wort?

Einfach zu beantworten, sagt mein Freund, der Sprachwissenschaftler: "Der kleinste selbstständige, verschiebbare, akustisch und orthographisch isolier- und verschiebbare Bedeutungsträger im Satz". Eine griffige Definition, halte ich dagegen, die aber kaum hilft, wenn man die Racker zählen will, denn es gibt sie in allen Formen und Größen. Schauen wir uns doch einfach mal als Beispiel eine Textsorte an, die wir als Übersetzungsunternehmen tausendfach jährlich zu übersetzen haben. Eine kleine Warnung im Voraus, es handelt sich um keinen einfachen Text, der aber trotzdem zur Bettlektüre geeignet sein könnte, sollten Sie Einschlafstörungen haben. Auf jeden Fall muss man jeden Satz mehrfach lesen, bevor er seine versteckten Bedeutungen offenbart. Der Text ist ein Auszug aus dem Ersatzteilkatalog einer Automarke.

3PT RR S/BELT(X2)+P/SEAT+CHILD RESTRAINT ANCHOR

FR POWER ST (LEATHER) + ST BELT REMINDER + A/BAG

LICENCE PLATE BRACKET+OVER FENDER,OVER FENDER (B)

RR TV MONI+O/GUIDE FRENCH+ENGLISH/FRENCH+AUDIO SYS

Neben den semantischen Spitzfindigkeiten, die dieser Text birgt, ist es von vitaler Bedeutung, wie man seine Wörter zählt, denn das hat dramatische Auswirkungen auf die Höhe des Honorars, das ein Übersetzungsunternehmen für die Übertragung eines solchen Texts in eine andere Sprache bezahlt bekommt. Nun, MS Word beispielsweise zählt 26 Wörter in diesem Text. Wenn Sie aber nun einfach mal ein Leerzeichen nach den Zeichen eingeben, die als Trennzeichen zwischen den Wörtern zu finden sind (Pluszeichen, Kommata) oder Auslassungen markieren (z.B. der Schrägstrich in "O/Guide" für "Operator's Guide), dann ändert sich die Wortzählung gewaltig. Auf einmal sind es 50 Wörter!

Das vorherige Beispiel zeigt sehr anschaulich, dass Wortzählungen häufig in überhaupt keiner Beziehung zu dem Aufwand stehen, den es zu betreiben gilt, um einen Text zu übersetzen. Doch der willkürliche Gebrauch von Trennzeichen oder anderen Zeichen zwischen Wörtern ist nur ein Teil des Problems.

Warum zählen alle unterschiedlich?

Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum Wortzählungen desselben Texts von einem zum nächsten Übersetzungsdienstleister unterschiedlich sind? Nun, das hat mit sprachlichen Phänomenen zu tun, die in der Schriftsprache häufig anzutreffen sind. (Beispiele aus dem Englischen):

  • Wörter mit Bindestrich: computer-assisted
  • Zusammenziehungen: do not vs. don’t
  • Abkürzungen, Akronyme, Maßeinheiten: e.m.p., f.s.a., q.d.a.m., mg/dL
  • Zahlen, Datumsangaben, mathematische Formeln, usw.

Die Zählung dieser Wörter variiert je nach Textverarbeitungsprogramm oder computergestütztem Übersetzungssystem, das für den Kostenvoranschlag verwendet wird, und es gibt einfach keinen Standard, was wie zu zählen ist. Doch damit nicht genug, das Ganze wird noch verwirrender.

Donaudampfschifffahrtskapitän

Jeder der Deutsch lernt, kennt dieses Beispiel für die hohe, aber gefürchtete deutsche Kunst der Kompositabildung. Mit 29 Zeichen kann das Wort aufwarten, aber es sind nicht nur agglutinierende Sprachen wie Deutsch, Ungarisch, Finnisch oder Farsi, die lange Wörter bilden. Man nehme das berühmte "Supercalifragilisticexpialidocious" (34) oder das wundervolle "Antidisestablishmentarianism" (28) als Beweis dafür, dass auch das Englische lange Wörter produziert. Um es kurz zu fassen, gerade in technischen Texten wimmelt es nur so von langen zusammengesetzten Wortungetümen, doch wenn es um die Entlohnung geht, zählen auch diese nur als ein Wort, wenn, wie heutzutage üblich, die Wörter der Ausgangssprache gezählt werden.

Wir müssen Zeichen setzen (zählen)

Doch es gibt andere, genauere Möglichkeiten, den Arbeitsaufwand beim Übersetzen zu messen. Eine davon ist die Zeichen- oder Zeilenzählung. Ein Zeichen ist ein Zeichen ist ein Zeichen, da gibt es nicht viel zu deuteln. Die Frage ist nur, ob man auch Leerschläge als Zeichen zählen soll, und meine eindeutige Antwort ist: "Ja, selbstverständlich!" Es ist schließlich aufwandtechnisch das Gleiche, ob man die Leertaste oder eine Buchstabentaste drückt. Was glauben Sie, verwendet die weltweit am meisten benutzte maschinelle Übersetzungssoftware, Google Translate, als Rechnungseinheit? Ja, Sie haben richtig vermutet. Es sind Zeichen, nicht irgend welche fragwürdigen Wortzählungen.

Tatsächlich war die Zeichen- bzw. Zeilenzahl die vorherrschende Abrechnungseinheit auf dem deutschsprachigen Markt, bevor die angelsächsische Daumenbreiten und -Ellenzählerei bei Übersetzungen Einzug hielt, weil große britische bzw. US-amerikanische Übersetzungsunternehmen auf dem deutschsprachigen Markt aktiver wurden und die Kunden die Kostenvoranschläge der Neuankömmlinge mit denen der alteingesessenen Unternehmen vergleichen wollten. In jedem Fall ist die Umkehr zu Wortzählungen eine fürchterliche Regression, ein Atavismus. Es ist so, als würde man Flüssigkeiten wieder in Immi und Stoffe wieder in Ellen messen.

Es ist merkwürdig, dass eine Branche ein nicht normiertes, willkürliches, undefinierbares Maß zur Quantifizierung der Dienstleistung verwendet, die sie den Kunden anbietet. Gibt es möglicherweise versteckte Interessen, eine Verschwörung gar? Ich bin nicht mir dessen nicht sicher, aber ich bin mir sicher, wir würden alle gewinnen – Sprachdienstleister und Kunden zugleich – wenn wir die imperialen Wortzählungen hinter uns lassen und eine objektivere Maßeinheit verwenden würden, Zeichen und Zeilen eben.

Es gibt keine magische Formel

Die Zeichenzählung ist nicht der Weisheit letzter Schluss, wenn es darum geht, den Aufwand zu bestimmen, den es für eine Übersetzung braucht. Sowohl Wörter als auch Zeilen sind lediglich Einheiten, mit denen eine Dienstleistung gemessen wird, die sich aus verschiedenen Teilleistungen zusammensetzt: Projektmanagement, Übersetzung und Korrekturlesung, Fachprüfung, Terminologieverwaltung, Qualitätssicherung, all diese und weitere Aktivitäten oder nur einige von ihnen können ausgeführt werden, um eine Übersetzung zu erstellen. Wenn Sie Übersetzungsdienstleistungen einkaufen, sollten Sie daher immer nachfragen, welchen Umfang die Dienstleistungen haben, wenn Sie die Kostenvoranschläge verschiedener Anbieter vergleichen.*

Sicher ist, dass Zeichen statt Wörter zu zählen für mehr Transparenz, Nachvollziehbarkeit und Vergleichbarkeit auf dem Übersetzungsmarkt sorgen würde. Das könnte man Fortschritt nennen, oder?

* Lesen Sie dazu auch unseren Artikel Das beste Übersetzungsbüro der Welt.

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